Schwangerschaftsmassage - Gerüchte und Halbwahrheiten

 

1. Einleitung
2. Hände und Füße sollen nicht massiert werden
3. Massage des Bauches ist kontraindiziert
4. Massage im ersten Trimester ist kontraindiziert
5. Massage ab 8. Monat der Schwangerschaft ist kontraindiziert
6. Massage während der Schwangerschaft kann vorzeitige Wehen auslösen
7. Massage des unteren Rückens sollte unterbleiben 

1) Einleitung

Die Schwangerschaftsmassage ist in Deutschland ein noch sehr junges Feld. Demgemäß gibt es ein großes Defizit an Know-how in diesem Bereich. Noch immer gibt es genügend Vorbehalte für schwangere Frauen, die verhindern, dass sie eine solche Massage in Anspruch nehmen. Grund hierfür sind vor allem Gerüchte und Behauptungen, die durch das Internet ihre Verbreitung finden. Auf diversen Seiten werden Pseudo-Fachleute zitiert die zum einen ihre Quellen nicht preis geben, und die zum anderen dem Leser die Information schuldig bleiben welche Qualifikation sie auf dem Gebiet Schwangerschaftsmassage besitzen.

Welche Motive Autoren auch veranlassen mögen, solche (offensichtlich) falschen Informationen über das Internet zu verbreiten, darüber mag sich jeder selber ein Urteil bilden. Mir ist zumindest daran gelegen Sie mit Hilfe dieses Blogs korrekt und möglichst umfassend zu informieren. Ich werde deshalb auf keine bestimmten Seiten konkret Bezug nehmen, sondern werde Falsches korrigieren und in den richtigen Kontext stellen.

Ich beziehe mich dabei auf meine langjährige Erfahrung und auf die Schriften meiner amerikanischen Kolleginnen und Kollegen, die ich auf meiner Webseite schon mehrmals zitiert habe, und mit welchen ich teilweise regelmäßigen Kontakt zum fachlichen Austausch pflege. Der Grund liegt in der Tatsache begründet, dass die Schwangerschaftsmassage in den USA mittlerweile seit vielen Jahrzehnten ein fester Bestandteil therapeutischer Arbeit in der Schwangerschaft ist.

Es sind allen voran Elaine Stillerman, Carole Osborne, Leslie Stager und andere, die zum Teil auf eine mehr als 40jährige Karriere zurückblicken können. Allesamt Autorinnen zahlreicher Bücher und Artikel der perinatalen Massage, Dozentinnen und Ausbilderinnen, die unzählige Massagetherapeuten zu Experten in Sachen Schwangerschaftsmassage ausgebildet haben. In ihrer langjährigen Tätigkeit haben sie vermutlich zehntausende von schwangeren Frauen erfolgreich therapiert.

Folgende Informationen werden Sie unter Umständen in abgewandelter Form immer wieder auf irgendwelchen Seiten finden:


2) Hände und Füße sollen nicht massiert werden

Dieser Behauptung liegt die Annahme zu Grunde, man könne ungewollt bestimmte Akkupressurpunkte aktivieren. Wahr ist, dass diese Art von Akkupressurpunkten wirklich existieren. Allerdings ist man sich selbst in der Fachwelt nicht darüber einig welches Potenzial diese Punkte wirklich besitzen, da die bisherige wissenschaftliche Datenlage keine Aussagen darüber zulässt1). Wenn überhaupt, dann ist die „Aktivierung“ dieser speziellen Punkte nur durch einen lang anhaltenden permanenten Druck auf die entsprechende Stelle möglich. Das heißt im Umkehrschluss, dass es absolut unmöglich ist, bei einer normalen Massage einen dieser Punkte versehentlich zu aktivieren. Vor allem dann, wenn der Therapeut die entsprechenden fachlichen Kenntnisse darüber besitzt.

So weist Carole Osborne in ihrem Buch Pre- and Perinatal Massage Therapy1) auch explizit daraufhin, dass besondere Vorsicht vor allem nur bei Schwangeren geboten ist, die bereits ein gewisses Risiko für eine Frühgeburt oder vorzeitige Wehen haben. Bei diesen ist allerdings eine Massage sowieso kontraindiziert.


3) Massage des Bauches ist kontraindiziert
Hinter dieser Aussage steht die Befürchtung, dass durch die Massage die Plazenta in irgendeiner Weise verletzt und damit das ungeborene Kind gefährdet werden könnte. Eine Beeinträchtigung der Plazenta ist aber, bei einem verantwortungsbewussten Massieren absolut ausgeschlossen. Die Fachliteratur empfiehlt daher beim Massieren des Bauches nicht mehr Druck aufzuwenden, als das Gewicht der eigenen Hände, was also eigentlich mehr einem „Streicheln“ des Bauches gleichkommt. Dies schließt viele der Techniken, wie man sie aus der „Schwedischen Massage“ kennt aus. Ich selber praktiziere das Massieren des Bauches nicht, da die Erfahrung gezeigt hat, dass die meisten Frauen dies nicht wünschen.


4) Die Massage im ersten Trimester ist kontraindiziert2)
Grundsätzlich ist eine Schwangerschaftsmassage bei einer gesunden Frau zu jeder Zeit während der 9 Monate möglich. Fakt ist allerdings, dass statistisch gesehen die meisten Fehlgeburten während der ersten 3 Monate auftreten. Die Gründe hierfür sind mannigfaltig; es können chromosomale Defekte vorliegen, Infektionen der Schwangeren mit besonderen Keimen, wie Chlamydien beispielsweise, Diabetes oder hormonelle Probleme und vieles mehr. Aber in der wissenschaftlichen Literatur gibt es absolut keinen Hinweis darauf, dass eine Massage jemals eine Fehlgeburt ausgelöst hätte, sofern diese fachlich korrekt durchgeführt wurde. Warum wird also von einer Massage während des ersten Trimenons abgeraten?

Wie bereits erwähnt ereignen sich die meisten Fehlgeburten im ersten Trimenon, hierzu eine Zahl der Universität in Bonn:


„Etwa 80% der Fehlgeburten passieren in den ersten 12 SSW.“,

www.kinderwunsch-uni-bonn.de/Haeufigkeit-von-Fehlgeburten.16984.0.html


Massiert ein Therapeut nun in dieser Zeit, und es würde sich tatsächlich eine Fehlgeburt ereignen, so würde er/sie sich der Gefahr aussetzen, mit dieser Fehlgeburt in Verbindung gebracht zu werden, denn eine Frau, die Ihr Kind verloren hat wird verständlicherweise nach dem „Warum“ fragen. Und dies hätte für einen Massagetherapeuten unter Umständen eine existenzielle Tragweite. Zumal das Internet mit Verurteilungen heutzutage schnell bei der Hand ist. Eine schlechte Beurteilung ist nun mal schnell ins Netz gestellt.

Der Grund von einer Massage im ersten Trimenon abzusehen ist also nicht die Tatsache, dass die Massage eine Gefahr für den Embryo darstellen könnte, sondern die nachvollziehbare Vorsicht des Therapeuten.


5) Massage ab dem 8. Monat ist kontraindiziert

Das während der Massage ausgeschüttete Hormon Oxytocin (in geringen Mengen) soll angeblich in der Lage sein Wehen auszulösen. Wahr ist, dass das Hormon Oxytocin bei der Initiierung der Wehen eine sehr wichtige Rolle spielt. Mehrere Umstände sprechen allerdings gegen die Annahme, die Massage könnte letzten Endes der Auslöser für die Wehentätigkeit sein. Erstens ist das Geschehen (vor allem das hormonelle), welches die Wehen auslöst derart komplex, dass es unmöglich auf eine einzige Substanz reduziert werden könnte. Man kann dies mit dem Zusammenspiel vieler Instrumente in einem Orchester vergleichen. Zweitens ist die ausgeschütte Menge an Hormon viel zu gering um die Wehen auszulösen, geschweige denn Aufrecht zu erhalten. So wird beispielsweise auch behauptet, dass Geschlechtsverkehr die Wehen einleiten könnte; denn beim Geschlechtsverkehr wird nicht nur Oxytocin ausgeschüttet, das Sperma enthält zusätzlich sogar noch Prostaglandine, welchen für das Einsetzen der Wehen ebenfalls eine Schlüsselrolle zukommt. Nach einer Notiz der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA)3) ist die Menge an wehenfördernden Hormonen im Sperma des Mannes aber nicht ausreichend um die Wehentätigkeit auszulösen. Auch die beim Orgasmus3) durch die Ausschüttung von Oxytocin ausgelösten Kontraktionen reichen nicht aus um die Geburt einzuleiten, sofern, und das ist der letzte Punkt, das Kind noch nicht geburtsreif ist und der mütterliche Organismus für die Geburt noch nicht „bereit“ ist.

Ich habe diese Frage sehr ernst genommen, und deshalb zusätzlich Elaine Stillerman kontaktiert und eine Stellungnahme erbeten.

Meine Frage :
„...could there be a risk in any way, if you give a massage during pregnancy after month 8, due to oxytocin release?“

Antwort, Elaine Stillerman:
It's not only oxytocin, but other hormones that come into play. It is safe to massage women during the last months of pregnancy without fear of preterm labor.

Und die „American Pregnancy Association“ empfiehlt deshalb Schwangerschaftsmassage uneingeschränkt in jedem Stadium der Schwangerschaft4)


6) Massage während der Schwangerschaft kann vorzeitige Wehen auslösen

Siehe unter Punkt 2, denn diese Aussage zielt anscheinend auf die Akkupressurpunkte ab. Ansonsten gibt es absolut keine plausible Erklärung, wie man dies anstellen sollte. Hierzu fällt mir nur ein Ausdruck ein: Hanebüchen!

Ich möchte grundsätzlich all denen, die Schwangerschaftsmassage mit Wehen, oder vorzeitigen Wehen in Verbindung bringen eines zu bedenken geben: „Wenn es so einfach wäre mit Massage die Geburt einzuleiten, dann müßte man hierfür keine künstlichen Substanzen einsetzen, und könnte mancher Schwangeren eine ganze Menge ersparen!“


7) Massage des unteren Rückens sollte unterbleiben

Als Begründung für diese Behauptung führen die Autoren an, dass hormonell bedingt, die Bänder im Beckenbereich flexibler sind als im „Normalzustand“. Diese Aussage, also dass durch die Hormone eine Flexibilisierung der Bänder des Beckens stattfindet ist vollkommen korrekt, verantwortlich hierfür ist vor allem das Hormon Relaxin. Allerdings ist die Schlussfolgerung daraus, keine Massage im unteren Rücken durchzuführen, falsch; denn warum sollte dies ein Ausschlusskriterium dafür sein hier nicht zu massieren? Das Gegenteil ist nämlich der Fall; gerade durch die stärkere Flexibilisierung der Bänder bedarf der untere Rücken einer besonderen Zuwendung durch den Massierenden.

Normalerweise stabilisieren die Bänder die Gelenke, sie halten diese quasi in Position. Da dieser stabilisierende Faktor nun allerdings hormonell bedingt weg fällt, muss die Schwangere stärker ihre Muskulatur in diesem Bereich aktivieren, um den Körper in einer bestimmten Position zu halten. Es kommt verstärkt zu Verspannungen, vor allem im unteren Rücken, was in der Folge unter Umständen auch Probleme mit dem ISG5) nach sich ziehen kann. Die Massage ist hier oftmals die einzige Option, um etwas Linderung zu erreichen, in dem man den Muskeltonus durch die Massage herab setzt.
So finden sich auch in den beiden bereits genannten Büchern über perinatale Massage ein Vielzahl an Vorschlägen für Techniken zur Massage6) des unteren Rückens. Auch zu diesem Punkt möchte ich Ihnen eine Stellungnahme von Elaine Stillerman nicht vorenthalten:

Meine Frage:
...Would you please be so kind and give me your point of view with a short explanation to the statement: "NEVER MASSAGE THE LOWER BACK, DUE TO THE RELAXED LIGAMENTS", I would like to cite your statement in my article.

Antwort Elaine Stillerman:
Alexander. Really? I have spent years researching the effects of massage during pregnancy and I have never come across this claim. Please send me the research/studies done to support this and I will carefully reevaluate what I have learned. My textbook, backed by research, supports lower back massage during pregnancy. What exactly does this claim say would happen that is so dangerous? Preterm labor? Miscarriage? If it was that easy to start labor, induction would not be done and everyone would have their babies 'on time'.

 

Quellen:

1)
Carole Osborne
Pre- and Perinatal Massage Therapy, A Comprehensive Guide to Prenatal, Labor, and Postpartum Practice, Second Edition, 2012 Lippincott Williams & Wilkins. Seite 38-39

2)
Elaine Stillerman

Prenatal Massage, A Textbook of Pregnancy, Labor and Postpartum Bodywork

2008 by Mosby Inc., an affiliate of Elsevier Inc., Seite 20-26 (Dispelling the Myths of Prenatal Massage)

3)
Partnerschaft und Sexualität – Häufig gestellte Fragen
Kann man mit Sex die Geburt einleiten
https://www.familienplanung.de/faq/sexualitaet/faq/kann-man-mit-sex-die-geburt-einleiten/

4)
Massage and Pregnancy – Prenatal Massage
http://americanpregnancy.org/pregnancy-health/prenatal-massage/

5)
ISG = Iliosakralgelenk

6)
Techniken für den unteren Rücken:
6.1) Elaine Stillerman
Prenatal Massage, A Textbook of Pregnancy, Labor, and Postpartum Bodywork
2008 by Mosby Inc., an affiliate of Elsevier Inc., S. 177, 203 – 204

6.2) Carole Osborne
Pre- and Perinatal Massage Therapy, A Comprehensive Guide to Prenatal, Labor, and Postpartum Practice, Second Edition, 2012 Lippincott Williams & Wilkins, S.12-16, 84, 90